Sarek auf Deutsch


Herzkranzmonolog                                                               ©Stephan Sarek



Da sitze ich nun in meinem Auto, auf dem großen Parkplatz der Universitätsklinik, umgeben von nicht enden wollender Nacht, als wolle sie, die Nacht, um keinen Preis der Welt mein eigenes Ende versäumen, das sich ankündigt seit Jahren, mit Zeichen, die ich kenne oder besser, kennen gelernt habe in diesem Buch, dem Buch der Bücher, jenem medizinischen Nachschlagewerk, das mir einst geschenkt ward von meinem Vetter, der, Gott habe ihn selig, den Tod starb, der nun vor mir liegt und dessentwegen ich hierher gefahren bin, auf diesen Parkplatz, nur Schritte entfernt von der Notaufnahme, in die ich mich zu schleppen gedenke, wenn Sauerstoffmangel meine Arterien schnürt und Kranzgefäß um Kranzgefäß der Nekrose sich ergibt, bis mein Körper schwarz geworden all jenen spottet, die mich einen Hypochonder nennen, allen voran Alice Grüneberg, diese diensthabende Ärztin, die seltsamerweise immer dann Dienst hat, wenn jener Schmerz in mir Dienst hat, und von dem sie behauptet, er wäre eingebildet, denn man sähe nichts auf dem EKG, sähe nichts in den Laborberichten, sähe nur Kosten, Kosten, Kosten, und die auf meine Frage, ob ich denn ein Patient zweiter Klasse wäre, antwortete, ich sei überhaupt kein Patient und wenn, dann nur einer für den Psychologen, aber der käme erst morgen, da soll ich dann wiederkommen, aber mein Gott, was für ein Morgen denn, habe ich gesagt, ich habe doch überhaupt keinen Morgen mehr, mein letzter Morgen war gestern, gestern, als der Schmerz begann, der schon so oft begann an einem Sonntag, nur nie so schlimm wie gestern und dessentwegen ich nun hier sitze auf diesem Parkplatz vor dem Uniklinikum, das vollgestopft ist mit medizinischen Geräten, die mein Leben retten könnten, wenn man sie denn nur ließe, vorausgesetzt, ich erreichte sie noch rechtzeitig mit der letzten Kraft meines sterbenden Herzens, das schlafen will, wie ich gerade merke, mein Gott, wie müde es ist, ausgerechnet jetzt, wo ich mich zusammenreißen muss um wachzubleiben, drum tief durchgeatmet, ruhig geblieben, dem Schlagen meines Herzens lauschend, tapfer nach draußen schauend in die Nacht, die ich schon oft hier hab durchwacht, vom Schmerz gequält und Autos gezählt - aber halt, was ist das, wer schleicht dort an den Autos vorbei, ein Mensch, nein, eine Frau, gebückt die Haltung, von Scheibe zu Scheibe eilend, das Brecheisen in der einen Hand, die Leuchte in der anderen, eine Diebin oh Graus, das ich das noch erleben darf, noch erleben muss, doch jetzt, ohje und ach, sie kommt in meine Richtung, was tu ich nur, was tu ich nur, was tu ich, wenn der Schein ihrer Lampe mich erreicht, wenn er auf mein bleich gewordenes Haupt fällt, ich weiß, ich stell mich tot, ja das ist gut, ich stell mich tot, öffne den Mund ein Stück, reiße die Augen auf, lasse den Kopf hängen, jetzt warten, warten, Schritte nähern sich, schleichende Schritte, sie ist ganz nah, jetzt nicht mehr atmen und um Gottes Willen nicht blinkern, da, der Strahl, er blendet mich, ich blinker nicht, bleibe starr, wie tot, ist sie getäuscht, der Schein wandert hinfort, ein schriller Schrei, sie ist getäuscht, gleich wird sie wegrennen, gleich, aber halt, sie rennt nicht, stürzt zu Boden, oh Gott, welch ein Stöhnen, es geht einem durch Mark und Bein, was ist passiert, grundgütiger Himmel, ich sehe sie durch den Spalt der vorsichtig geöffneten Tür sich krümmend auf dem Boden winden, die Hand aufs Herz gepresst, sollte es wahr sein, welch Ironie, was mich ereilen sollte traf nun sie, doch muss ich helfen, muss Hilfe holen, selbst eine Diebin ist ein Mensch, halten Sie durch, ich hole Hilfe, bewegen Sie sich nicht, ich kenne mich aus, Schmerz im Arm und auf dem Rücken, ein Herzinfarkt, ganz zweifelsfrei, ich hole Hilfe, renne schon, hetze, überquere den Parkplatz, springe die Stufen hinauf, den Weg, den bekannten, der vorbeiführt am Pförtner, Gang C entlang, dann die Tür rechts, da bin ich schon, Alarm, Alarm, ein Herzinfarkt, es geht um Leben und Tod, nein, nicht um mich, Frau Grüneberg, dort draußen, auf dem Parkplatz, eine Frau liegt vom Infarkt ereilt, Sie müssen helfen, so glauben Sie mir doch, es geht nicht um mich, ein Mensch liegt im Sterben, was zögern Sie denn noch, na endlich, warten Sie, ich nehme den Notfallkoffer, Sie den Sauerstoff, nun schnell, schnell, den Gang zurück, am Pförtner vorbei, die Treppe hinunter, den Parkplatz überquert, dort drüben, nein dort, nein, huch, wo ist es denn, mein Auto, wo um alles in der Welt ist́s geblieben, hier hat es gestanden, ganz sicher hat es hier gestanden, sollte es wahr sein, ist es zu glauben, sie hat es geklaut, hat ihre Notlage ausgenutzt, um mein Auto zu klauen, wie niederträchtig Frauen doch sein können, oh Gott, oh Gott, wie wird mir plötzlich ganz schwarz vor Augen, die Knie versagen, der Boden kommt näher, das Ende, ich sterbe, höre die Ärztin rufen wie durch Nebel hindurch, sie schreit nach Hilfe, hach, wie ich ihr das gönne, jetzt ist sie panisch, jetzt, wo mein Leben einen Punkt macht, wo ich hinweggehe, wo ich den Weg beschreite, den niemand mir glauben wollte, bis auf jetzt, aber jetzt ist es zu spät, lebt wohl, es ist vorbei, ich sehe bereits das Licht am Ende des Tunnels, höre meinen Namen, ein Mann, Gott persönlich empfängt mich, wie nett, aber was, Sie sind gar nicht Gott, Sie sind der Chefarzt, so so, hm, heißt das, ich lebe, ich hab es geschafft, hab den Herzinfarkt überlebt, der jahrelang mich gequält hat, nein, nein, Herr Chefarzt, das enttäuscht mich nicht, es ist doch schön, wenn man dem Tod noch einmal von der Schippe springt, wie, ach so, Sie meinen, es war gar kein Herzinfarkt, es war nur eine Kreislaufschwäche, sind Sie sicher, ich meine, sind Sie wirklich sicher????


1. Im Namen des Volkes

2. Der Turm

3. Männer

4. Das ganze Leben

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Im Namen des Volkes


Backsteinquader haben etwas zutiefst Beruhigendes. Ihre Wuchtigkeit, ihre innere Ruhe und Stabilität wiegen den, der sich ihrer bedient, um ein Haus zu bauen, in Sicherheit und Geborgenheit. Werden sie aber derart aufeinandergetürmt, daß sie eine Säule ergeben, deren oberes Ende nur sehen kann, wer den Kopf weit nach hinten legt, so rufen sie im Betrachter das Gefühl innerer Kleinheit hervor: indem er sich erdrückbar fühlt, fügt er sich besser der Macht der Obrigkeit, die ihn in solche Gebäude ruft, und nicht etwa zu ihm nach Hause kommt, wenn sie etwas von ihm will. Die Gerichtsverhandlung, der ich nun beizuwohnen gezwungen war, war allerdings von mir angestrengt worden. Die Ladung zur Sache war ergangen und hatte außer meinen Anwalt und mir auch die gegnerische Partei heranzitiert. Ich saß mit meinem Beistand rechts; mein Gegner lümmelte mit seinem Anwalt links vom Richtertisch und war von Natur aus mit einer Größe rindsähnlichen Ausmaßes versehen, obwohl er erst 18 war, also noch nicht einmal ausgewachsen. Verhandelt wurde im großen Saal, und auf den Zuschauerbänken hatten sich einige Zuschauer und sogar eine Schulklasse versammelt. Nachdem die Namen aller Beteiligten vorgelesen waren, eröffnete der Richter die Verhandlung, indem er mir das Wort erteilte. »Schildern Sie als Nebenkläger den Fall mal so, wie er sich Ihrer Meinung nach zugetragen hat.«
Ich räusperte mich, stand auf und knöpfte mir die Jacke zu. »Also, ich war auf dem Heimweg von meiner Arbeit im Bergedorf-Energieunternehmen und lief wie immer über die Fußgängerbrücke des Malteser-Weges hinüber zur Goethegasse. Als ich beinahe schon auf der anderen Seite war, kam mir die Person da«, ich zeigte auf das Rind, »entgegen und verstellte mir den Weg.«
»Einspruch!« rief sofort der gegnerische Anwalt. »Mein Mandant hat einen Namen und das Recht, mit diesem Namen angesprochen zu werden. Es ist würdelos, einfach mit dem Finger auf ihn zu zeigen.«
»Einspruch stattgegeben«, bestätigte der Richter, »das ist also Herr Franz Deutschmann, merken Sie sich das und fahren Sie fort.«
»Natürlich, ich bitte um Entschuldigung. Also, Herr Deutschmann kam mir auf den letzten Metern der Brücke entgegen und verstellte mir den Weg. Dann sagte er in einem ziemlich rüden Ton, ich solle ihm meine Aktentasche geben, sonst würde er mir in die Fresse hauen.« Ich machte eine Pause.
»Erzählen Sie weiter, was geschah dann!«
»Nun, dann schlug er mir in die Fresse.«
Der Richter wirkte unwirsch. »Unterlassen Sie bitte diese verbalen Entgleisungen, Sie meinen also, er hätte Ihnen einen Schlag ins Gesicht gegeben?«
»Ich meine das nicht nur, das war so.«
Aber der Richter ließ sich nicht beeinflussen. »Wie es wirklich gewesen ist, soll ja hier erst festgestellt werden. Haben Sie ihm dann Ihre Aktentasche gegeben?«
»Nein. Ich habe trotz der Schmerzen im Gesicht und trotz der zerbrochenen Brille meine Aktentasche mit der einen Hand an mich gepreßt und mit der anderen Hand versucht, Herrn Deutschmann wegzudrängen.«
Der Richter nickte wie jemand, der etwas zur Kenntnis genommen hatte, ohne daraus Schlüsse zu ziehen, und wandte sich an die andere Seite.
»Herr Deutschmann, seien Sie bitte so nett, und schildern Sie den Fall mal aus Ihrer Sicht.«

Herr Deutschmann rülpste verhalten, entwickelte sich zur vollen Größe, wobei sein Stuhl nach hinten umkippte und sein Anwalt eilfertig hinzusprang, um ihn wieder aufzuheben.
»Also, ich wollte über die Brücke, um schnell zu meinem Kumpel zu kommen, weil der noch ein Six-Pack von mir hatte, da kommt mir der Typ entgegen und will mich nicht zu meinen Kumpel lassen. Da sach’ ich zu ihm, gib mir deine Aktentasche sonst kriste was inne Fresse, aber der wollte nicht, und da hab ich ihm inne Fresse gehauen.«
»Verstehe«, sagte der Richter, »fühlten Sie sich provoziert?«
»Ja, provoziert, der Kerl hat mich provoziert, ich wollte nur zu meinen Kumpel, aber weil der Typ mich nicht leiden kann, weil er ’ne Arbeit hat und ich nicht, wollte er nicht den ganzen Weg zurück und meinte, mehr Rechte zu haben als ich, da hab ich ihm inne Fresse gehauen.«

Der Richter wandte sich mir zu und begehrte zu wissen, was ich zu dieser Provokation zu sagen hätte. Entrüstet wollte ich aufspringen, doch mein Anwalt drückte mich auf den Stuhl zurück. »Bleiben Sie ganz ruhig«, flüsterte er, »fangen Sie jetzt nicht auch noch an, den Richter zu provozieren.« Und laut sagte er: »Mein Mandant bedauert sein Verhalten auf der Brücke. Das ist aber noch lange kein Grund, daß Herr Deutschmann ihm einen Schlag ins Gesicht gibt.«
Herr Deutschmann ließ einen langgezogenen Rülpser ertönen, und die Schulkinder auf den Zuschauerbänken fingen an zu kichern.
»Einspruch!« ließ sich Deutschmanns Anwalt wieder vernehmen.
»Wir wissen ja noch gar nicht, ob mein Mandant grundlos geschlagen hat, wie wir eben festgestellt haben, hat er sich vielleicht bedroht gefühlt und möglicherweise nur in Notwehr gehandelt.«
»Haben Sie sich bedroht gefühlt, Herr Deutschmann?« fragte der Richter.
»Ich wollte nur zu meinen Kumpel, außerdem war ich stockbesoffen, wenn mir da jemand im Weg steht, kriegt er was inne Fresse.«
Der Richter wandte sich wieder scharf zu mir.
»Angeklagter … äh, Kläger, haben Sie gemerkt, daß Herr Deutschmann Alkohol zu sich genommen hatte?«
»Ja natürlich, das war sehr gut zu riechen, das war kein schöner Geruch, mir ist übel geworden.«
»Einspruch!« war wieder zu hören. »Es verträgt sich nicht mit der Würde des Menschen, wenn hier öffentlich behauptet wird, die Gegenwart von Herrn Deutschmann verursache Übelkeit. Natürlich hatte mein Mandant Alkohol getrunken. In stiller Vorfreude auf seinen 18ten Geburtstag, den er drei Tage später hatte, feierte er schon vor, das ist doch ganz natürlich.«
»Ich war stockbesoffen«, gluckste Deutschmann fröhlich dazwischen.
Sein Verteidiger fuhr mit väterlichem Lächeln fort: »Ein junger Mensch, der zudem zur angeblichen Tatzeit noch minderjährig war, freut sich doch auf seinen 18ten Geburtstag. Und wenn er dann diese Freude mit seinem besten Freund teilen will und wird von einem Erwachsenen gewaltsam daran gehindert, was soll er denn da machen? Soll er zusehen wie ein Despot den schönsten Tag seines Lebens kaputtmacht?«
Ich wollte wieder aufspringen, wurde aber diesmal von herbeieilenden Saaldienern daran gehindert. Der Anwalt fuhr in seiner flammenden Rede fort.
»Mein Mandant ist ein an sich hoffnungsfroher Mensch. Gerade der Pubertät entsprungen, noch unbeholfen in seinem Erleben, neugierig alles ausprobierend, was die Kindheit ihm vorenthalten hat. Er sehnt sich in die Welt der Erwachsenen, ahmt ihnen nach und wird in einer Situation, in der ihm die Hinterhältigkeit des Alkohols so wehrlos gemacht hat, auf so üble Art und Weise von einem Erwachsenen angegriffen. Dieser Erwachsene ist zudem noch fest etabliert im Establishment und auf der Höhe seiner geistigen Reife, dem Angeklagten also wirtschaftlich und mental weit überlegen. Wie soll ein so junger Mensch in dieser hoffnungslosen Situation anders reagieren als mit Panik? Und mehr noch: Ist nicht vielleicht etwas ganz anderes passiert? Was verschweigt uns der Kläger, verdreht er hier nicht gar den Sachverhalt, weil ihm der Angeklagte nicht so gefügig war, wie er es sich erhofft hatte?«
Er wandte sich an seinen Mandanten. »Erzählen Sie doch bitte noch einmal, was der Kläger mit der anderen Hand gemacht hat, die er nicht auf seine Aktenmappe drückte.«
»Er hat sie mir auf die Brust gehauen.«
»Und hatten Sie ein Hemd an?«
»Nee, hat ich mir ausgezogen, weil ich geschwitzt habe wie ein Schwein.«
Erst entstand eine bedeutsame Stille, dann wurde empörtes Gemurmel laut. Der Anwalt drehte sich bestürzt zum Publikum. »Er hat ihn angefaßt. Er hat ihn auf die nackte Haut gegrapscht. Vielleicht hat er ihn auch an seinen empfindlichen Brustwarzen berührt. Wer weiß, was er mit dem Jungen noch alles vorhatte.«
Ich begriff plötzlich, worauf das hinauslief und wollte wiederum protestierend aufspringen, wurde jedoch von den Vasallen des Richters auf den Stuhl gefesselt.
»Was ist das für ein Mensch?« fragte Deutschmanns Anwalt zur Geschworenenbank gewandt. »Er«, damit meinte er mich, »ist nie verheiratet gewesen. Warum nicht? Hat es mit den Frauen nie geklappt? Oder fühlt er sich in eine andere Richtung berufen? Findet er sich bei seinesgleichen besser aufgehoben? Nun, das ist seine Sache. Aber wenn er mit seiner Entartung unschuldige Jugendliche belästigt, die zudem unzurechnungsfähig sind, weil sie berauscht wurden durch Alkohol, der ihnen wahrscheinlich von ebenfalls skrupellosen Erwachsenen eingeflößt wurde, dann muß die Nation aufbegehren. Wenn solche Gangster die Juwelen unseres Lebens, nämlich unsere Kinder, auf so hinterhältige Weise mißbrauchen, dann haben sie es nicht anders verdient als geschlagen zu werden. Dann sind sie selber schuld. Und wir können von Glück sagen, daß mein Mandant so geistesgegenwärtig reagiert hat. Daß er all seinen kindlichen Mut zusammengefaßt und sich aus dem Joch der sexuellen Sklaverei befreit hat. Nein, ich meine, der Kläger ist selbst schuld am Verlust seiner Brille und seiner Schneidezähne. Viel schlimmer als dieser Verlust ist die seelische Grausamkeit, die an Herrn Deutschmann begangen wurde.«

Im Publikum wurden erste Stimmen laut. Ich konnte Sätze wie »du menschliches Schwein« oder »hängt den Vergewaltiger« vernehmen. Die Schergen des Königs zogen einen Schutzwall um mich und schleppten mich unter dem Gezeter und Gejohle des Publikums aus dem Saal. Ich wurde vom Fleck weg in eine Zelle gesteckt, wobei mich die Wärter nur mit Gummihandschuhen anfaßten, die hinterher sofort verbrannt wurden. Mein Anwalt, der eigentlich für Leute wie mich nichts übrig hat, riet mir, mich einstweilen ruhig verhalten. Vielleicht käme ich dann nach zwei, drei Jahren wegen guter Führung raus, versprechen könne das aber keiner. Jetzt sitze ich hier und denke über meine Tat nach. Es klopft an der Tür und ein Wärter schiebt einen dampfenden Blechnapf durch den Schlitz. »Hier, dein Mittagessen, du Kinderschänder, sei froh, daß wir dir überhaupt was geben.« Dankbar würge ich den Haferschleim herunter. Hat er nicht recht? Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, kann ich auf die Straße sehen. Hinüber zum Kiosk, an dem die Tageszeitungen die neuesten Nachrichten anpreisen »Abscheu und Entsetzen über Kindesmißhandlung« und »Sexbestie mißbraucht Bub«, schreien sie in die Welt hinein. Was bin ich nur für ein Mensch?
Neben dem Kiosk steht mein Auto. Ich sehe, wie Franz Deutschmann mit lallendem Gelächter (irgendein verantwortungsloser Erwachsener hat ihm wohl wieder Alkohol gegeben) die Rückspiegel abtritt. Aber der Wagen ist ja selber schuld. Warum hat er auch Rückspiegel?

 

Der Turm
 

Ich sitze im Restaurant des Fernsehturms etwa 5000 Meter über dem Alexanderplatz und trinke Cappuccino komplett. An einem Nebentisch sitzen eine Schwangere und ihr Freund, mir gegenüber ein Tourist. Alle zusammen drehen wir uns halbstündlich einmal um den Turm, was allerdings nicht schnell genug ist, um schwindelig zu machen. Da fängt der Tourist an, mich zuzutexten.
“Sind Sie Berliner?”
Ich nicke.
“Ost oder West?”
“West, aber …”
“Dachte ich mir, sehn auch gar nicht ost aus.” Er reicht mir die Hand. “Schmidthuber. Komme aus der Nähe von München.”
“Sehn nicht aus wie Schmidthuber”, murmel ich, doch Schmidthuber ist schon beim nächsten Satz. “Dieser Fernsehturm”, meint er und rückt näher an mich heran, “stimmt es, daß der damals von Westfirmen erbaut wurde?”
“Keine Ahnung, aber …”
Schmidthuber legt seine Hand auf meinen Arm und senkt verschwörerisch die Stimme. “Unter uns gesagt, wenn es nicht so wäre, würde ich nicht hier rauffahren wollen.”
“Na ja, also ich glaube, Sie …”
“Nein, nein, nein, das Ding wäre doch längst eingestürzt.”
“Sie meinen, wie die Kongreßhalle damals?”
“Sie sagen es ja selbst.” Zufrieden lehnt Schmidthuber sich zurück, kommt aber gleich wieder vor, um zum Vernichtungsschlag auszuholen. “Der Ossi an sich”, raunt er, “ist doch stinkefaul. Daran hat auch die Wende nichts geändert. Der würde niemals dieses Restaurant zum Drehen bringen. Glauben Sie mir, bevor der Ossi was Anständiges auf die Reihe kriegt, fliegen die Enten mit dem Arsch nach vorn.”

Ich will protestieren, doch kommt in diesem Moment die Bedienung heran. Schmidthuber bestellt einen Palatschinken.
“Wir haben nur rohen oder gekochten Schinken”, bedauert die junge Frau. Schmidthuber verdreht die Augen. “Pfannkuchen! Dann bringen Sie mir halt einen Pfannkuchen, wenn Ihnen das mehr sagt.” Die Bedienung geht, und vieldeutig sieht er mich an. “Verstehen Sie jetzt, was ich meine?”
Ich nicke. “Übrigens ist es nicht das Restaurant, das sich dreht.”
“Sondern?”
“Der Turm dreht sich. Das Restaurant steht still. Ein kardanisch-konisches Schneckengewinde. Trabantensteuerung nennt man das. Ich bin übrigens Geotektoniker.”
Schmidthuber verzieht anerkennend das Gesicht. “Wahnsinn. Der Turm dreht sich, das Restaurant steht still. Wetten, die Ossis wissen das noch nicht einmal.”
“Glaub ich gerne.”
“Bei denen würde sich der Turm wahrscheinlich langsam in die Erde bohren.”
“Wahrscheinlich.”
“Die wissen ja noch nicht einmal, was Palatschinken ist.” Schmidthuber nickt sich selbst zu, stutzt aber plötzlich. “Moment mal”, sagt er dann nachdenklich, “wenn sich der Turm dreht, das Restaurant aber stehen bleibt … wieso sieht man dann immer etwas anderes da unten?”

Die herannahende Bedienung unterbricht seine intelligente Kausalkette. Auf einem Teller rutscht ein glasierter Pfannkuchen hin und her. Schmidthuber schlägt empört die Hände vors rote Gesicht. “Das darf doch nicht wahr sein. Das ist ein Berliner, kein Pfannkuchen. Mann, wo kommen Sie denn her?”
Unbeeindruckt zuckt die junge Frau die Schulter. “Ich komme aus Kanada, und das ist ein Pfannkuchen. Aber wo kommen Sie her?”
“Aus einem Dorf in Bayern”, werfe ich dazwischen.
“Alles klar!” Die Frau nickt verstehend und geht wieder, Schmidthuber starrt ungläubig ins Leere. Ich trinke meinen Cappuccino aus und stehe auf. Vor dem Licht der untergehenden Sonne fliegen zwei Enten rückwärts am Fernsehturm vorbei.

“Noch etwas”, sage ich und lege meine Hand auf Schmidthubers Arm. “Nicht nur der Turm, ganz Berlin dreht sich. Mit dem Turm. Das einzige, was hier stillsteht, sind das Restaurant und Ihr Kleinhirn. Daran hat die Wende auch nichts geändert.”
Schmidthubers Stirn legt sich in Falten. Ich nehme meinen Mantel und nicke ihm noch mal freundlich zu. “Und die Kongreßhalle wurde von Westfirmen erbaut. Steht nun mal auch im Westen.”
 

Mit verächtlichem Blick lasse ich ihn sitzen und gehe zum Aufzug. Mit einem guten Dutzend mir Unbekannter gehts ab nach unten. Leider ist nach fünf Metern die Fahrt bereits zu Ende. Schrill knirschend bleibt die Kabine stecken, schwankt etwas, ruckt noch ein Stück und hält dann endgültig. “Keine Sorge”, meint der Aufzugswärter gelassen, “der tut nichts, der will nur spielen.”
Verkrampft lächelnd blicken wir Fahrgäste einander an. Ein kleines chinesische Mädchen sagt etwas ausländisches zu seiner Mutter. Wahrscheinlich ›ich muß mal‹.
Mich an meinem Nachbarn festhaltend wende ich mich an den Aufzugsführer. “Eine Frage … dieser Aufzug … wurde der damals eigentlich von Westfirmen erbaut?”

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Männer

Wenn Hanna nach der Arbeit den Teltowkanal entlang joggte, versuchte sie immer in sich hineinzusehen. So tief wie möglich, bis in die kleinste Zelle. Dorthin also, wo das anstrengende Ausdauertraining angeblich für positive Auswirkungen auf das Leben eines Menschen sorgt. Wo im wundersamen Zusammenspiel von Zellkernen, Mitochondrien und zytoplasmatischen Retikula neue Fettverbrenner entstanden oder wo Drüsen die Mühe des Rennens  mit der Ausschüttung von Glückshormonen belohnten. All das, so las sie regelmäßig in Frauenzeitschriften, hätten Wissenschaftler nämlich festgestellt. 

Doch wenn es gegenüber des Steglitzer Hafens wieder hinaufging in die Klingsor-Straße, der Zielgeraden sozusagen, dann fühlte sie weder neue Fettverbrenner in sich arbeiten, noch war sie glücklicher über den Streß, der geduldig gewartet hatte, bis sie mit dem Joggen fertig war. Wahrscheinlich waren die Nachweise im Labor erbracht worden, und wahrscheinlich konnte es auch nur dort funktionieren.

Eher noch als durch Joggen, stellte sich das Glücksgefühl ein, wenn sie mit zwei schweren Einkaufstüten in den Händen nach Hause kam und die Kinder ihr auf halbem Weg entgegeneilten. Wenn sie an ihr hochsprangen, mit offenen Mündern wie tschilpende Spatzen, und nach Süßigkeiten bettelten, wie ihre gefiederten Kollegen nach Würmern, dann erinnerte sich Hanna daran, wozu sie all die Mühe auf sich lud. Meist gab es einen Bonbon, manchmal sogar Schokolade, die sie aus einer der Edeka-Tüten hervorzog. Und saß ihr der Schalk im Nacken, dann stellte sie sich vor, wie sie ihren Kindern das Naschzeug direkt aus dem Kropf heraus in den Mund würgte. Das wäre Naturkundeunterricht der besonderen Art oder zumindest einer jener herben Witze, mit denen sich das Leben so gern bemerkbar macht. Ungemein komisch, nur nicht für die Beteiligten.  

Seit Hanna sich vom Vater ihrer Kinder getrennt hatte, lebte sie mit ihnen in einer Wohngemeinschaft in der Haydnstraße. Zusammen mit drei anderen Frauen, von denen zwei ebenfalls Kinder in die Gemeinschaft gebracht hatten und die dritte immerhin noch einen alten Bernhardinerhund. Neben dem Jobben und dem Joggen gab es in Hannas Leben noch `so etwas wie ein Germanistikstudium´. Kein echtes, denn das vermochte sie Angesichts der überlebenskampf bedingten Fehlzeiten an der Uni schon lange nicht mehr behaupten. Ihren Mitbewohnerinnen ging es nicht viel besser, trotz der Unterstützung, die sie einander gewährten. Tagtäglich standen sie ihre Frau in einem Kampf, dem die Männer abhanden gekommen waren. Aus tausend Gründen heraus, wie es nun mal so ist.

Das Drama an der Sache war aber nicht der Lebenskampf, sondern die niemals sterbende Hoffnung, Mann und Frau könnten vielleicht doch irgendwie zusammen glücklich sein. Irgendwo in dieser großen Stadt, die so voll von ungebundenen Männern ist, mußte es doch einen geben, dessen schöner Schein auch im Halbdunkel des Alltages noch zu sehen war. Zumindest theoretisch, und so saßen sie abends oft zusammen und fabulierten über die wichtigste Nebensache der Welt: Männer. 

Zwei Tage vor ihrem dreiunddreißigsten Geburtstag beschloß Hanna, sich etwas Gutes zu gönnen. Nein, keinen schönen Abend bei den Chippendales, wie die anderen vorschlugen, und auch kein Treffen mit der Brad Pitt Imitation, die vom Berliner Künstlerdienst für rund Fünfzig Euro die Stunde vermietet wurde. Etwas Brauchbares sollte es sein, länger halten sollte es und obendrein noch schön bleiben. Diese Forderungen trafen nach längerem Nachdenken nur auf eine CD zu und Hanna entschied sich für Musik der kleinen Peruaner, die Weihnachten immer vor Karstadt stehen. Also ging sie am nächsten Tag noch vor der Uni los, um eine zu erwerben.

Erwartungsgemäß gab es in der örtlichen Media-Markt-Filiale zwar Musik von Dieter Bohlen, nicht aber von den kleinen Peruanern, weshalb sie sich an einen der Verkäufer wandte, einem jungen witzigen Mann.
Es war, als drehe jemand den Schalter herum. Hanna wurde schwach. Sie fing an zu stottern, bekam feuchte Hände und als der Mann sie lächelnd bat, den Namen der Gruppe zu wiederholen, da schoß ihr die Wärme ins Gesicht und sie sagte nur “Hanna.”
Ebenfalls sichtlich angetan fand der Verkäufer ihr eigentliches Begehren heraus, bestellte eine ähnliche CD und fing einen Flirt an, dessen Zauber sie wie ein wertvolles Geschenk mit zu sich nach Hause trug.
Doch abends in der Wohnküche kamen ihr die ersten Zweifel.

“Ich laß mich doch nicht mit einen Mann ein, der beim Media-Markt arbeitet. Ich bin doch nicht blöd.”
Ihre Freundinnen begehrten auf. “Ist doch egal, wo ein Mann arbeitet. Hauptsache, er ist nett und hat ein regelmäßiges Einkommen.”
“Was soll ich denn mit einem Fernsehverkäufer? Ich will mich auch mal unterhalten können. Will Goethes Wahlverwandtschaften diskutieren können oder über Satre streiten - also Dinge tun, die so ein Leben erst ausmachen. Was soll ich mit einem Mann, dessen Tellerrand die Wände eines Media-Marktes sind?”

Je mehr Argumente Hanna hervorkramte, wie der Zauberer Kaninchen aus seinem Hut, desto mehr hielten die anderen dagegen. Sie bezichtigten sie des Vorurteils gegen Minderheiten, also schöne, charmante und dennoch kluge Männer und wiesen ihre Behauptungen als aus der Luft gegriffen zurück. Warum, zum Beispiel, sollte dieser Mann nicht auch klug sein? Woher wolle sie wissen, ob er überhaupt dort arbeite? Vielleicht jobbte er nur nebenbei, vielleicht war er ein Student genau wie sie und schrieb gerade an seiner Doktorarbeit. Was, um alles in der Welt, veranlaßte sie zu solch negativem Denken?
“Weil es einen schönen, charmanten und obendrein noch klugen Mann nicht gibt”, antwortete Hanna hartnäckig. “Nicht in einem Media-Markt.” 

In der Nacht träumte sie. Sie tanzte im Media-Markt mit dem Verkäufer, der ihr am Ende des Tanzes gestand, gar kein Verkäufer zu sein, sondern ein verwunschener Ethnologe, dessen Lebenstraum es war, am Amazonas-Becken zusammen mit Indianern den Regenwald zu beschützen.
`Träume sind Schäume´ dachte sie am nächsten Morgen bitter und versuchte, das Erlebte zu verdrängen. Schwermütig kroch sie aus dem Bett. Das Leben war nur ein übler Witz. Ähnlich derer, mit denen man seinen Kindern die Fütterung von Jungvögeln nahebringen konnte. Alle lachten darüber, nur die Betroffenen nicht. Es gab keinen klugen Prinzen. Nicht für sie. Es gab nur Verkäufer oder Taxifahrer, Zugschaffner oder Verwaltungsangestellte. Würde sie etwas anderes glauben, bliebe ihr am Ende doch nur das Lachen im Halse stecken. 

Sie beschloß, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Allein die CD würde sie noch abholen, danach wäre Ende mit dieser Geschichte. Nach der Uni ging sie also noch einmal in den Media-Markt. Leider, oder zum Glück, war er wieder da. Und natürlich erkannte er sie sofort und grüßte in einer Herzlichkeit, die sie erneut schwach werden ließ. Geschickt zauberte er die CD hervor und verwickelte sie ebenso geschickt in einen Flirt, so daß sie gar nicht anders konnte, als das Gespräch fortzuführen, sich dies und jenes zeigen zu lassen, Grund um Grund zu suchen, um länger dort bleiben zu können. Und dann, als sie ihn in ihrer Not nach weiteren Cd´s von Karstadts Peruanern fragte, zierte er sich ein wenig und meinte, darüber nicht so gut Bescheid zu wissen, denn eigentlich arbeite er gar nicht hier.

Hanna wäre beinahe ohnmächtig geworden. Fast, daß sie ihren Ohren nicht traute. Er arbeitete nicht hier, alle hatten sie recht gehabt, die Freundinnen, der Traum, die irrationale Hoffnung. Das Schicksal hatte sie geleitet. Hierher in diesen Media-Markt. Um sie auf den Traummann treffen zu lassen, dessen Schein heller wurde, je näher man ihm kam. Schmachtend sah Hanna ihn an, ergriffen wie ein Rentnerehepaar, an dem Klaus Wowereit vorbei joggt. Mühselig nur gelang es ihr, Worte zu finden.  “Wo...wo...ich meine...was machen Sie denn sonst?”

Der Verkäufer deutete mit den Kopf nach rechts. “Normalerweise bin ich drüben in der Fernsehabteilung.”


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